Wo fließt sie denn, die Flensau?
Flensburg hat viel zu bieten, manches ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, anderes selbst Einheimischen fremd. Unsere Autorin Imke Voigtländer biegt in versteckte Gassen ab, guckt in die Vorgärten oder macht auf nur scheinbar Uninteressantes am Wegesrand aufmerksam. Diesmal geht es vom Ochsenmarkt bis zum Wilhelminental.
Die Texte und Fotos der ersten sechs Etappen finden Sie zum Herunterladen weiter unten.


Ich verabschiede mich vom Ochsenmarkt und fahre mit einer Tüte Nüsse aus dem Obstladen von Horst Kolb Richtung Friesische Straße. Auch wenn ich sonst hier meist Richtung Südermarkt abbiege: Heute habe ich eine andere Mission. Ich bin auf der Suche nach einer dünnen blauen Linie, die ich bei der Planung der nächsten Etappe auf Google Maps entdeckt habe: „Flensau“ steht daran.

Nun wohne ich schon seit über acht Jahren hier, stromere mit unseren Hunden überall und nirgends durch Straßen und über Wege, aber von der Flensau habe ich vorher noch nichts gehört. Hätte man mir gesagt, dass sie sich hier irgendwo – größtenteils versteckt hinter Häuserreihen – entlangschlängelt, hätte ich es vermutlich für eine ausgeklügelte Werbe-Kampagne der ortsansässigen Brauerei gehalten. Aber von Anfang an…


Von dem Markt, auf dem früher die Ochsen gehandelt wurden, geht es erst einmal durch die Nikolaiallee. Sie führt entlang des Platzes, auf dem Anfang des 19. Jahrhunderts das dänische Militär exerzierte. Als das Strammstehen und Marschieren auf einen größeren Platz beim heutigen Flugplatz Schäferhaus verlegt wurde, nannte man den Platz „Kleine Exerzierslücke“. Inzwischen ist daraus – vermutlich aus lauter Sprachfaulheit – einfach „die Exe“ geworden. Als Straßennamen sind „Kleine Exe“, „Exe“ und „Zur Exe“ geblieben. Der dort ansässige Jugendtreff hat gleich noch ein x draufgepackt und nennt sich ganz cool „exxe“.

Die meiste Zeit des Jahres ist der Platz einfach eine riesengroße Auto-Abstellfläche am Rande der Innenstadt. Denkt man sich die vielen Autos weg, lässt sich aber noch erahnen, wie hübsch der teils von großen Bäumen gesäumte Platz einmal gewesen sein muss. Parken hier keine Pkw, ist der Zirkus zu Besuch – oder der Jahrmarkt. Ein kleines Überbleibsel der fünften Jahreszeit mit Zuckerwatte, Karussell und Achterbahn entdecke ich noch am Rande. Aber die Lichter sind aus.


Am Ende der Nikolaiallee – oder besser am Ende ihres Teilstückes – muss ich über die Straße „Zur Exe“, eine der wichtigsten Ein- und Ausfallstraßen Flensburgs, die ein Stückchen weiter westlich neu ansetzt. Dazu muss ich aber erst durch eine Unterführung, die dem Flensburger „Mauseloch“ an kreativer Gestaltung noch einiges voraus ist. Offenbar ein Eldorado für  Sprayer.


Froh, durch die doch recht uneinsehbare Unterführung wieder ans Licht zu kommen, steigt die Spannung. Hier irgendwo fließt der Mühlenstrom – die zweite dünne blaue Linie auf Google Maps. Und dann kommt die Flensau, die mich heute in diese Ecke meiner Wahlheimat getrieben hat. Erstmal sehe ich aber nur riesige graue Rohre. Fließt darin mein gesuchtes Flüsschen?


„Natürlich nicht! Das sind Fernwärmerohre“, klärt mich ein sehr netter Anwohner auf, der auf seinem Garagenvorplatz steht und den ich nach einiger Zeit der Suche einfach anspreche. Er möchte zwar nicht genannt und auch nicht fotografiert werden, aber er gibt mir den entscheidenden Tipp: Das Flüsschen – vermutlich noch der Mühlenstrom, vielleicht aber auch schon die Flensau – fließt nämlich direkt hinter seinem Grundstück. „Wenn sie viel Wasser führt, hat sie eine beeindruckende Strömung“, erzählt er. „Kickt mein Enkel versehentlich den Ball ins Wasser, schnappt er sich schnell den Kescher und läuft gleich zum Nachbarn in der Hoffnung, den Ball da noch rechtzeitig einzufangen.“

Der freundliche Anwohner nimmt mich ein Stück weiter die Straße hinauf Richtung Wilhelminental. An einem Stromkasten bleiben wir stehen, und jetzt sehe ich es auch: ein kleines Flüsschen mit sehr klarem Wasser. „Und eiskalt“, fügt mein spontaner Stadtführer hinzu, „das kommt direkt aus dem Grundwasser.“


Er zeigt mir auch, warum ich bis zu dieser Stelle vergeblich Ausschau gehalten habe: Weiter vorn, wieder zurück Richtung Exe, verschwindet das Wasser in einem großen Tunnel. „Irgendwann kommt es am Wasserrad kurz vor dem Busbahnhof wieder raus“, wird mir erklärt.

Ich habe die Flensau und den Mühlenstrom gefunden. Ich gebe zu: Ich bin ein bisschen stolz – und gespannt, wohin mich die nächsten Wege führen.