Stille Liebe, Tortenfreunde und ein kleiner Kiez

Flensburg hat viel zu bieten, manches ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, anderes selbst Einheimischen fremd. Unsere Autorin Imke Voigtländer biegt in versteckte Gassen ab, guckt in die Vorgärten oder macht auf nur scheinbar Uninteressantes am Wegesrand aufmerksam. Diesmal geht es von der Marienhölzung bis zum Ochsenmarkt.

Die Texte und Fotos der ersten fünf Etappen finden Sie zum Herunterladen weiter unten.


Nach meinem sportlichen Einsatz beim vergangenen Spaziergang bin ich heute etwas gemächlicher unterwegs. Die passende Portion Gemütlichkeit für meine geplante Schlenderei hole ich mich in der Marienhölzung ab – und zwar mit einer kurzen Station am Wildschweingehege neben dem Forsthaus.

Die grau-borstigen Riesenmäuse lassen sich einfach durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen, erst recht nicht, wenn sie gerade mit geschlossenen Augen in einer ihrer Ruhe-Kuhlen chilllen. Umdrehen, wenn Besuch vorbeikommt? Energieverschwendung.

Ein Gehege weiter ist das Frühstücksbuffet aufgebaut. Das Damwild ist Störungen gegenüber zwar etwas weniger entspannt als seine Nachbarn, aber wenn der Trog voll ist, lassen sie sich sogar fotografieren.

Vorbei am Forsthaus nehme ich den Ausgang aus der Marienhölzung mit dem definitiv schönsten Namen: Stille Liebe. So heißt die Straße, die aus dem Wald herausführt.


Was es wohl auf sich hat mit dieser Stillen Liebe? Ob die Liebenden sich in dem Kräutergarten in der Kolonie 39 „Waldesruh“ kennengelernt haben? Leider hat der Garten so früh noch nicht geöffnet und es ist niemand unterwegs, den ich fragen kann. Aber einen wunderbar verwunschenen Platz, wo die Liebenden ein Rendezvous bei Tee und Keksen haben könnten, entdecke ich dann doch noch in einem der Schrebergärten.

Von der Stillen Liebe aus biege ich links in die Westerallee ein. Nach ein paar Metern entdecke ich – neben dem Haus der Gartenfreunde – verdächtige Utensilien, die vielen Flensburgern noch von der anderen Seite der Förde vertraut sein dürften: Kaffeekannen. Und zwar jede Menge. Sie hängen vor einem Haus an alten Fenstern, die dekorativ im Vorgarten stehen.

Und richtig: Die Gartenfreunde scheinen auch Tortenfreunde zu sein, denn direkt neben dem Vereinsheim hat das Mariencafé seine Tortenwerkstatt eröffnet.

 


Zurück auf der Westerallee, die an einigen Stellen tatsächlich alleeartig „umbaumt“ ist, bummele ich vorbei am Sportplatz des 1924 als Sportverein der Polizei gegründeten Polizei-Sport-Vereins. Heute sind hier allerdings mit über 1.500 Mitglieder nicht mehr nur Polizeibeamte sportlich aktiv. Der PSV ist längst ein Verein für alle geworden.


Schließlich biege ich rechts in die Goerdelerstraße ab und lande mitten in einem höchst widerständigen Viertel – zumindest, was die Namen der Straßen angeht, die rechts und links von der Goerdelerstraße abzweigen: Auf Karl Friedrich Goerdeler (1884-1945), folgen Julius Leber (1891-1945), Claus Graf Schenk von Stauffenberg (1907-1944), die Geschwister Scholl (Hans Scholl 1918-1943 und Sophie Scholl 1921-1943), Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) und  Wilhelm Leuschner (1890-1944) als Namensgeber – alles Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg.

Am Ende der Gördelerstraße geht es links weiter auf die Marienallee – und auf einmal stehe ich mitten in einem kleinen Ortszentrum mit Bäcker, Poststelle, Mittagstisch, Apotheke, Obstladen, Friseur und mehr. Am Ochsenmarkt, wo früher Ochsen gehandelt wurden, hat sich ein kleiner „Flensburger Kiez“ gehalten. „Ich liebe es hier“, sagt Wiebke Enders. „Viele Eltern, die ihre Kinder in den Kindergarten um die Ecke bringen, kaufen danach hier noch ein. Auch viele ältere Menschen, die im Quartier wohnen, versorgen sich hier. Beim Obst- und Gemüsehändler gibt es sogar extra abgepackte kleine Gemüseportionen“.


Das muss ich mir angucken! Besagter Obst- und Gemüsehändler ist Horst Kolb. Der 74-Jährige steht seit 17 Jahren hinter dem Tresen in seinem Laden am Platz – inzwischen als Ein-Mann-Betrieb. Vorher hat er unter anderem in Flensburg, Harrislee und auf den Märkten verkauft. Noch heute fährt er zweimal die Woche in aller Frühe zum Hamburger Großmarkt und kauft seine Waren ein. „Man kennt die Kundschaft hier sehr gut“, sagt er. Überwiegend sind es ältere Menschen, und für die packt Horst Kolb auch die Gemüsetüten, die auf dem Tresen liegen. „Häufig brauchen meine Kunden einfach keinen ganzen Blumenkohl oder eine ganze Lauchstange. Dann können sie bei mir eben auch nur eine Portion von dem Gemüse bekommen.“

Auch die Nüsse und Trockenfrüchte auf dem Regal neben dem Tresen sind frisch vom Chef persönlich abgepackt. Genau das Richtige nach meinem heutigen Spaziergang! Einen frischen Kaffee und ein Brötchen bekomme ich beim Bäcker, eine Zeitschrift für den Rückweg mit dem Bus in der gut sortierten Poststelle. Und weil ich kein Bargeld in der Tasche habe, gehe ich vorher noch in die Apotheke. Da kann ich nämlich Geld abheben – ohne Gebühr und ohne etwas in der Apotheke kaufen zu müssen. Am Ochsenmarkt ist das möglich. Die Gemeinschaft hier weiß sich eben zu helfen.

Bildquelle: Imke Voigtländer
 

Die bisherigen Etappen des Stadtspaziergangs zum Nachlesen:

Teil 1: Ostsee pur!
Teil 2: Von Sonnenhängen und süßen Tüten
Teil 3: Versteckte "Hinterhof-Parks"
Teil 4: Geheimnisvolle Logen
Teil 5: Fit durch Flensburg